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Wenn ihr hier ankommt ...

Eva Mosbacher und der Kindertransport

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                Eva Mosbacher (1938)

                  Otto und Hedwig Mosbacher

 

 

 

 

Vor 80 Jahren ...

In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1939 musste Eva Mosbacher sich am Nürnberger Hauptbahnhof von ihren Eltern verabschieden. Sie verließ ihre Geburtsstadt Nürnberg mit dem Kindertransport per Zug. Von der holländischen Grenze ging es mit einem Dampfer nach England. Zwei christliche Frauen aus der Nähe von Cambridge nahmen sie auf. Einzige Verbindung zwischen Tochter und Eltern blieb der Schriftkontakt. Im November 1939 zogen Evas Eltern Hedwig und Otto Mosbacher nach Meiningen zu Verwandten der Mutter. In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1942, genau drei Jahre nach Evas Abreise, wurden sie mit über 500 weiteren jüdischen Kindern, Frauen und Männer aus Thüringen von Weimar aus über Leipzig in den Distrikt Lublin deportiert.

 

An dieser Stelle werden von Mai 2021 bis zum Mai 2022 nach und nach Schreiben von Eva und ihren Eltern und andere Dokumente veröffentlicht, welche Einblick in deren Lage vor 80 Jahren geben.


Ein Projekt der B.M. Strupp-Stiftung, Meiningen

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an ihre Tochter Eva vom 26.07.1941

 Liebes, gutes Evele,
Immer sehr erfreut von Dir zu hoeren.

Bitte grüsse und danke Allen, die sich Deiner, gut gemeint, annehmen.

 Sehe bitte auf Deine Gesundheit, wie wir es immer getan. Ist Alles all right?

 Für Deine Ferien recht viel Spass, vor allem Erholung und Kraft für die Zukunft.-

 Bei uns augenblickliche Hauptsorge: ob, wann und wo Visas erhältlich. Unser ständiges Hoffen und Wünschen: mit Dampfer zum 10. Okt.41 fahren zu koennen.

 Bemühungen wegen Visas von hier und von USA sind im Gang, hoffentlich baldigst und rechtzeitig von Erfolg.

 Wie stets, grüssen wir unser Evele herzlichst mit vielen, vielen Kussis, Halsle, Ohrle usw.

 Dein Papa. Deine Mama.

 

Mitteilung von Eva an ihre Eltern Hedwig und Otto Mosbacher vom 22.07.1941

Gehe zur Tante Erna an der See – Freue mich sehr – Examen vorüber – Resultat mittelmässig – Viele Küsse Liebe Euch   Euer Evele.

 

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an ihre Tochter Eva
vom 15. Juli 1941

Wir befolgen Deinen Rat und halten den Kopf hoch. Vielleicht hilft´s, Du bist ja auch so vernünftig und wartest geduldig. Inzwischen vergeht die Zeit, bis wir uns wiedersehen, bist Du wohl eine grosse Dame, in jeder Beziehung. Wir freuen uns sehr, wenn wir erst wieder vereint.

Bleibe recht gesund, grüsse und danke Allen, die es gut mit Dir meinen.

Viele, viele Kussis usw. herzlichst Dein Papa. Deine Mama.

 

Mitteilung von Eva an ihre Eltern 08. Juli 1941

Bin immer in Gedanken bei Euch. Ertrübt über Passage October. Wir müssen viel Geduld haben. Lebt wohl, hofft auf bessere Zukunft.

Evele.

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an
ihre Tochter Eva vom 05. Juli 1941

 Liebes, gutes Evele,

 Du kannst Dir denken, dass es uns dauernd sehr interessiert zu erfahren, wie es Dir und Allen geht. Unsere besten Grüsse und Wünsche allseits.

 Zurzeit macht uns die im September gedachte Abreise (Dampfer 10. Oktober ab Lissabon) grosse Sorgen. Infolge der Konsulatsschliessungen wissen wir nicht, ob, wann und wie wir zu den erforderlichen Visas gelangen. Hoffentlich findet sich noch rechtzeitig und bald ein Ausweg, sonst sitzen wir wieder fest und koennen alsdann Okt.-Schiffsplätze wiederum nicht ausnützen.

Viele, viele Kussis, Halsle, Ohrle usw.

herzlichst Dein Papa. Deine Mama. 

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an
ihre Tochter Eva vom 29. Juni 1941

Liebes, gutes Evele,

Immer erfreut wenn wir von Dir hoeren.

Wir halten auch den Kopf hoch. Leider durch neueste Massnahmen (Konsulatsschliessung) haben wir grosse Bedenken, ob unsere Abfahrt mit Oktober Dampfer moeglich.

Hoffentlich wird eine Zwischenloesung gefunden.

Herzlichste Grüsse, Kussi usw.

Dein soviel an Dich denkender Papa.

Deine  „       „    „   denkende Mama.

 

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an
ihre Tochter Eva vom 22. Juni 1941

Liebes, gutes Häsle,

 Wir richten uns wieder mal für die grosse Reise, hoffentlich bleibt uns neuerliche Enttäuschung erspart. Wir koennen nur Reisegepäck mitnehmen, viel Brauchbares und drüben Benoetigtes muss leider zurückbleiben.

Die gute Mama hat an einem Entfleckungskursus teilgenommen, sehr vorteilhaft für Deine zukünftigen Kleidungsstücke.

 Viele, viele Kussis usw. Herzlichst Dein Papa. Deine Mama.

 

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an
ihre Tochter Eva vom 15. Juni 1941

Liebes, gutes Boble,

Selbstredend hätten wir diese uns noch gut vertraute Anrede nicht gewagt. Aber wenn Du sie gewählt, ist es etwas Anderes, wir wissen gegenseitig, wie es gemeint.

Grüsse und danke in unserm Namen auch Onkel Edi mit Familie, wir denken an Alle und sovieles. Es wird Dir ähnlich ergehen.

Herzlichst grüssen Dich mit vielen Kussis usw. Dein Papa. Die Mama.

 

[Onkel Edi war der Bruder von Otto Mosbacher und lebte mit seiner Familie in Birmingham.]

 

Mitteilung von Eva an ihre Eltern Hedwig und Otto Mosbacher
vom 10. Juni 1941 (eingegangen Ende Juli)

Pfingsten mit Liesel und Eltern verbracht. Schwimme – lerne viel – esse gut – gehe Kino – Einladung Ferien Tante Erna – Alle gesund – Küsse

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an
ihre Tochter Eva vom 10. Juni 1941

 Liebes, gutes Ziegenboeckle,

 Auch wir sind in Gedanken viel bei Dir. Es müssten Dir die Ohren klingen, wie oft wir Papa’s süss Evele (so hast Du doch immer gesagt) erwähnen.- Hoffentlich klappt es dieses Mal mit unserer Reise. Wie gesagt, beabsichtigen wir gegen Mitte September von hier aufzubrechen, halten uns alsdann vermutlich noch in Nürnberg auf, denn zum 10. Oktober d.J. soll unser Schiff „EXCALIBUR“ ab Lissabon fahren.
Du kannst Dir gewiss vorstellen: auch wir zählen die Tage.
Recht viele Kussis, Halsle, Ohrle usw.
und viele Grüsse an Alle, die nach uns fragen, Dein Papa. Deine Mama.

 

[Die Mitteilung der Eltern überschritt die erlaubte Wortzahl und es ist nicht bekannt, ob sie Eva dennoch erreichte.]

 

Mitteilung von Eva an ihre Eltern Hedwig und Otto Mosbacher
vom 27. Mai 1941

Hörte von Lisbeth – gehts gut – immer beschäftigt – gutes Essen – Lerne viel in Schule und Pfadfindern – Kussle, Ohrle mit Schmeicheln  Euer Häsle

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an
ihre Tochter Eva vom 25. Mai 1941
Liebes, gutes Häsle,

 Heute müssen wir Dir eine traurige Mitteilung machen. Onkel Bruno, der zwei Monate an Furunkulose litt, haben wir Anfang März zur letzten Ruhe gebracht. Ihm ist wohl und sicherlich viel erspart geblieben.

 Wann und wie es Grosseltern erfahren, können wir nicht wissen.

 Herzlichst grüssen Dich, viele Kussis

 Dein Papa.

 Deine Mama

 
[Bruno Heinemann, Onkel von Hedwig Mosbacher, war am 6. März 1941 in Meiningen verstorben.]

 

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an
ihre Tochter Eva vom 22. Mai 1941

Liebes, gutes Evele,

Jede Deiner Nachrichten wird unsererseits sehr geschätzt. Lerne nur weiter recht gut. Kenntnisse und Erfahrungen sind im Leben so wichtig.

Auch von Grosseltern hören wir natürlich nichts. Grüsse bitte stets Gesamtfamilie, besonders Deine verehrten Damen. Für die Dir erwiesene gute Aufnahme werden wir ihnen immer sehr dankbar sein.

Herzlichste Grüsse, viele Kussis usw.

Dein Papa.

Deine Mama.

 

Mitteilung von Eva an ihre Eltern vom 21. Mai 1941 (zuggangen erst Anfang September)

Gesund – Schokolade von Grossmama – neue Reithosen – Radle viel – Helfe Haushalt und Kochen – habe Aquarium – Hoffe Euch wohlauf – Grüsse – Küsse

Häsle.

 

Mitteilung von Eva an ihre Eltern vom 20. Mai 1941 (zugegangen erst Ende August)

Verwandten gehts gut – Höre regelmäßig – Spiele Tennis – Schlagball – gehe Reiten -. Dazu viele Aufgaben. Machts gut. Viel Liebe, Küssle usw.

Euer Häsle

 

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an Eva vom 19. Mai 1941

Liebes, gutes Evele,

Deine Dezember–Januar Meldungen kamen jetzt in ziemlich kurzen Abständen. Schade, dass Du nicht siehst, wie sehr uns immer Deine Nachrichten erfreuen.

Wenn nichts Unvorhergesehenes eintritt, hoffen wir Mitte September d.J. von hier abzureisen.

Vielleicht halten wir uns alsdann noch in Deiner Heimatstadt auf, denn zum 10. Oktober 41 soll unser Dampfer ab Lissabon gehen.

Viele, viele Kussis usw. – allseits unsere Grüsse –

Dein Papa.

Deine Mama.

 

[Mit Evas Heimatstadt ist Nürnberg gemeint.]

 

 

Am 15. Mai 1941 erreichte Hedwig und Otto Mosbacher über das Rote Kreuz eine Nachricht ihrer Tochter Eva vom 12. Dezember 1940. Die Laufzeiten der Nachrichten über das Rote Kreuz war sehr unterschiedlich. Otto Mosbacher, von Eva "Molli" genannt, war am 12. Januar 1941  47 Jahre alt geworden.

 

Mitteilung von Eva an ihre Eltern vom 12. Dezember 1940, zugegangen am 15. Mai 1941

 

Meine allerbesten Wünsche zu Molli´s Geburtstag.

Hoffe Euch gesund, - mir geht’s sehr gut.

Haltet Kopf hoch und seit guten Mutes.

Viele Kussis usw.

Euer Häsle

 

 

Schreiben von Otto Mosbacher an die Beratungsstelle Leipzig (Hilfsverein) vom 11. Mai 1941 (Auszug)

 

Meiningen/Thür.

Strasse der SA 8

11. Mai 1941

 

Ihr Schreiben vom 8. ds.M.

Der American Export Lines, Lissabon habe ich rechtzeitig von der Annahme der für uns zum 10. Oktober 1941 reservierten Schiffsplätze Mitteilung gemacht und inzwischen eine weitere Bestätigung dieser Linie erhalten.

Ich hoffe gerne, dass die derzeitige Unmöglichkeit des Erhalts portogiesischer Transitvisen in Bälde behoben ist und alsdann weiterhin die Reisemöglichkeit Berlin-Lissabon usw., wie dies in den letzten Monaten der Fall, bestehen bleibt.

Konsulat: Sobald mir Nachricht bzw. Ladung zugeht, werde ich Sie sofort unterrichten.

...

Hochachtungsvoll

Otto Mosbacher

 

 

Schreiben der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Abteilung Wanderung (Hilfsverein) vom 8. Mai 1941 an Otto Mosbacher (Auszug)

 

Auf Ihre Schreiben vom 24. und 29.4.1941 erwidern wir:

1.) Nachdem Sie die Passagen bei der Export-Lines für den 10.10.41 akzeptiert haben und nachdem die Abschrift des Briefes der Export-Lines vom 26.3.41 dem Konsul überreicht wurde, kann vorläufig nichts weiter geschehen, als abzuwarten, bis Sie die Ladung vom Konsul erhalten. Wir bitten Sie, uns sofort zu unterrichten, wenn Ihnen eine solche Ladung zugeht.

2.) Abgesehen von der Passagebescheinigung und der Vorbereitung der für den Konsulats-Termin notwendigen Papiere ist im Augenblick nichts zu besorgen. Wir machen aber darauf aufmerksam, dass das vom Konsul verlangte Führungszeugnis und der Wohnungsschein neuesten Datums sein sollen. Diese beiden Dokumente werden also zweckmässiger Weise erst bei der Nachricht der Ladung beantragt.

3.) Bezüglich der Reisemöglichkeiten Berlin-Lissabon können wir Ihnen im Augenblick keinerlei Auskünfte geben, da infolge der derzeitigen Unmöglichkeit portugiesische Transitvisen zu erhalten, Gruppentransporte für USA-Fahrer ab Lissabon nicht abgefertigt werden können.

4.) An sich ist der Luftweg Berlin-Lissabon nach wie vor zu benutzen, jedoch behält sich die Luft-Hansa das Recht vor, die Plätze von Inhabern von "J"-Pässen zu beschlagnahmen, wenn diese anderweitig gebraucht werden können.

...

Hochachtungsvoll

Beratungsstelle Leipzig, Ernst Israel Heilbrunn

 

 

 

Mitteilung von Hedwig und Otto Mosbacher an Tochter Eva vom 07.05.1941:

 

Liebes, gutes Häsle,

In diesen Tagen jährt sich wieder Deine Abreise. Hoffentlich dauert unsere Wiedervereinigung nicht mehr gar so lange.

Neuerdings haben wir Passage ab Lissabon, aber leider erst Oktober Dampfer. Müssen noch viel Geduld aufbringen.

Herzlichst mit vielen Kussis usw. wie stets

Dein Papa. Deine Mama.